Das wahre Wir

In Katastrophenzeiten rücken wir zusammen, so wie es auch unsere Vorfahren schon getan haben.

Seit Beginn der Elbe-Hochwasserkatastrophe haben sich die Bilder der Medien auf interessante Weise verändert. Am Anfang stand die apokalyptische Vision: Braune Lehmfluten, düstere Himmel, hektische Bildschnitte auf Trümmer wie in einem Laien-Horrorfilm. Als Zeugen traten gebrochene Menschen auf, die stumm in die Mikrofone weinten. Schlagzeilen lauteten: „Aufgabe eines Lebenstraumes“, oder „Familie K. wird nie mehr in ihr Haus zurückkehren.“ Die Reporter agierten als Frontberichterstatter, die Natur als Kriegsmacht, die das alte deutsche Schicksal, das Vertriebensein, neu inszenierte.

Doch plötzlich kehrten sich die Perspektiven auf magische Weise um. Am fünften Tag wurden nur noch lachende Gesichter gezeigt, Spontan-WGs. die aus der Not entstanden. Bewohner inspizierten Deiche wie stolze Grafen. Die Menschen „rückten zusammen“, sie „entdeckten ihren Gemeinsinn“, sie „packten an“. Man weinte nun aus Erleichterung, weil so viele Jugendliche, durch das sonst böse Twitter mobilisiert, zum Helfen kamen. Nun ging es um Gemeinschaft, Bewältigung, Wir-Gefühle – und Zukunft.

Was fasziniert uns an Katastrophen?

Was fasziniert uns an Katastrophen derart, dass wir sie uns immer und immer wieder im Fernsehen ansehen? Seit Beginn unserer Art sind unsere Vorfahren unendlichen Naturgefahren ausgesetzt. Obwohl alle von einem singulären Ereignis sprechen, gab es allein im Mittelalter an die 10 Sturzfluten in Mitteleuropa, die ganze Landstriche entvölkerten. Die „Manndränke“ von 1362 zerschlug Schleswig-Holstein und tötete eine Viertelmillion Menschen. Die Gnadenlosigkeit der Natur ist die menschliche Ur-Erfahrung. Und genau hier beginnt auch die genuine Fähigkeit des Menschen: Wir haben in der Evolution die Fähigkeit der kooperativen Empathie entwickelt, die uns zu Höchstleistungen beim Überleben anspornt.

In der modernen Welt mit all ihren Individualisierungs- und Verwirrungsprozessen dienen Katastrophenbilder als Vision einer Katharsis, die uns zu den menschlichen Wurzeln zurückführt. Praktisch jeder amerikanische Film handelt vom Zusammenbruch der technischen Zivilisation, in der der einsame Held re-sozialisiert und von seinem Narzissmus geheilt wird. All die Zerstörungs-Orgien Hollywoods – von Orson Wells „Krieg der Welten“ bis zum neuen Will-Smith-Scientology-Spektakel „After Earth“ – dienen nur dieser einen Erzählung: Der Wiederherstellung des „wahren Wir“, der Rückkehr zu den Bindungen, zu Familie, Nation und Glauben.

Allerdings hat dieser evolutionäre Bewältigungs-Modus eine Schattenseite. Er kann aus der Balance geraten. Die Gefahr besteht darin, dass wir uns irgendwann Bedrohungen regelrecht herbeiproduzieren. Der unendliche Hysterie-Strom in den Medien, die ewige Suada von Klimakatastrophe, Artensterben, Rentenarmut, Islamgefahr, Krise, Krise, Krise ist womöglich ein unterbewusster Reflex unseres Sozialhirns. Wie fürchterlich verlässlich dieser Zusammenrück-Mechanismus sein kann, konnte man bis in die letzten Kriegstage 1945 beobachten.

Unter bestimmten Bedingungen folgen wir uns gemeinsam in den Untergang. Natürlich war von so etwas in der Elbflut nichts zu spüren. Aber das Janusgesicht von Katastrophen konnte man, wenn man genau hinschaute, wie einen Geist über dem Hochwasserspiegel schweben sehen.

1 comment for “Das wahre Wir

  1. Bernd
    23/08/2013 at 16:18

    Die Absurdität unserer Nachrichten, bei denen ein paar Kataströphchen gezeigt werden, die an sich lächerlich sind, wäre hier zu nennen. Menschen haben bei Katastrophen immer zusammengehalten. Sie haben recht, das ist Urerfahrung.
    Trotzdem warum bleiben die vielen Milliarden kreativer menschlicher Leistungen, die täglich stattfinden unerwähnt? Ist denn dieses Katastrohengerede und die entsprechenden Hollywood Streifen wirklich zwangsläufig? Oder entstammt dies der Langeweile bei Menschen, die mit Ihrem Leben nichts Kreatives anzufangen wissen? Das würde mich mal wirklich interessieren!

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