Das Schwedenkrimi-Syndrom

Neulich habe ich im TV wieder einen dieser coolen skandinavischen Krimis gesehen. Frauen wurden von einem Serienmörder zu Tode gefoltert und erstickten minutenlang in Großaufnahme. Die Kamera schwenkte zu pulsierenden Rhythmen hoch in den Himmel über der nördlichen Grossstadt.

Eine Kriminalkommissarin, blond, cool, tough, geschieden, ehrgeizig, verzweifelt, schoss sich blutend und leidend durch den Film, bis sie den Killer, der so abgrundtief böse war wie Jack the Ripper und Donald Rumsfeld zusammen, in die Stirn traf.

Skandinavische Krimis sind der absolute Hit. Auf der gerade zu Ende gegangenen Buchmesse gab es kaum anderes. Ihr Realismus ist einfach suchterzeugend. Unentwegt wird im Norden gequält, geschossen, gepfählt, bei lebendigem Leib gehäutet, gefesselt, erwürgt und zersägt. Immer führt die Spur in eine dunkle Vergangenheit mit Heim-Missbrauch, Nazis, Osteuropa. Immer sterben rothaarige, schöne Frauen im Schnee, frieren Sozialhilfeempfänger in kalten Nächten im Eis fest, flüchten Börsenbroker in weissen SUVs in Richtung Landhäuser, werden von depressiven Kommissaren mit Partnerschafts- Scheidungs- und Kinderbetreuungsproblemen stur verfolgt. Es regnet und stürmt viel zu viel und die Passanten haben vom Neoliberalismus und Sozialabbau entleerte Gesichter.

Angefangen hat mit diesem lukrativen Overkill ein gemütlicher Mann namens Henning Mankell, der in der idyllischen Stadt Ystad, die in den letzten zehn Jahren lediglich drei Fälle von alkoholbedingtem Totschlag zu verzeichnen hatte, die irrsten Mordserien halluzinierte. Meistens Rachefeldzüge für erlittene Ungerechtigkeit. Im Lauf der Zeit uferten diese Killing Fields in riesige Weltverschwörungen aus, in der Mega-Kartelle den Afrikanern Blut aussaugen. Hatten wir´s doch gewusst!

Skandinavien ist die friedlichste, sozialste Gesellschaft, die man sich vorstellen kann. Die momentan beste aller Welten. Mehr Solidarität, mehr Steuern, mehr Du-Sagen geht nicht. Sahra Wagenknecht könnte hier Finanzministerin werden. Warum halluzinieren wir immer, wenn etwas funktioniert, dass dahinter das absolute Grauen lauert?

Das deutsche Wort „Schulden” kommt von Schuld. Das ist vielleicht der Grund, weshalb Schuldenkrise und Krimilesen parallel verlaufen. Denn nicht nur im Krimi herrscht dieser irre Ton, der die Wirklichkeit pauschal und rundherum pathologisiert. Alles ist Untergang. Persönliche Krisen werden gnadenlos politisiert. Burnout. Mobbing. Missbrauch, „Eurokalypse” – was kam gerade in der Talkshow?.

Beim Stockholm-Syndrom identifizieren sich die Geiseln irgendwann mit den Entführern. Beim Schwedenkrimi-Syndrom dichten wir der Normalität das Grauen an. Können wir Wohlstand, Zivilisation, Frieden im Grunde gar nicht aushalten? Ein kluger Bekannter analysierte das so: Wir fürchten uns tief unten immer noch vor Blitz und Donner. Wir fühlen uns schuldig für unseren Wohlstand, unsere Komfortabilität. Wir schlagen dem Schicksal einen Deal vor. Und glauben, dass wenn wir ordentlich leiden und jammern und uns fürchten, einen Ablass bekommen. Hinter jedem Busch lauerte früher ein Geist, ein Ahne, oder ein Raubtier. Heute sind überall Serienmörder, Kapitalisten und Neoliberalisten im Busch. Und getrommelt wird ja auch wieder auf den Straßen. Magisches Denken stirbt nie aus.

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