Das große Aufräumen

Die Krise als dynamischer Wirtschaftsprozess

„Diese Krise kommt aus unserer Mitte, dem tiefsten Inneren, dem Kern unseres Wesens”, schrieb die Financial Times im Herbst 2008. Wie bitte? Ist das nicht eine Blasphemie? War es nicht die Gier der Spekulanten, die völlige Ent-Uferung des Bankensystems, der 25-Prozent-Steigerungswahn des Kapitals? Waren nicht, um es auf den populistischen Volksmund zu bringen, ”DIE DA OBEN” schuld?

Ja. Und nein. Wenn in einer Familie der Vater zum Tyrannen wird, dann ist natürlich der Tyrann verantwortlich. Aber das Ganze ist das Resultat einer langen Geschichte von Ko-Abhängigkeit, faulen Kompromissen, falscher Toleranz. Und nur wenn man diese unheilvolle Allianz auflöst, kann sich etwas zum Positiven verändern.

Wir alle wollten ja MEHR in vielerlei Hinsicht. Immer billigere Produkte zum Beispiel. „Geiz ist geil” war scheinbar eine Proll-Parole. Aber dahinter verbarg sich eine tief verankerte gesellschaftliche Mentalität bis weit in die Mittel- und Oberschichten. Sie führte dazu, dass sich China zur Billig-Werkbank der Welt entwickeln konnte und dabei das amerikanische Defizit aufblähte. Sie mündete in eine Art Sucht nach „immer-mehr-vom-Gleichen”, die sich indirekt als Innovationsbremse erwies.

Krisen sind, im persönlichen wie im Ökonomischen, immer auch „Offenbarungen”. Plötzlich fällt uns wie Schuppen von den Augen, dass:

  • Luxusmagazine wie „Vanity Fair” oder „Park Avenue” irgendwie nicht wirklich den Journalismus und die Kultur der Zeitschrift vorangetrieben haben. Sie waren „Symbionten von Überschüssen”, die in der Boom-Spekulationszeit entstanden.
  • Autofabriken in Deutschland eine gewaltige Überkapazität entwickelt haben, aber seit 30 Jahren gut wie keine konzeptionell neuen Mobilitäts- und Fahrzeugkonzepte entwickelten.
  • Handykonzerne in den letzten Jahren immer nur mehr und mehr und mehr Modelle auf den Markt gebracht haben, mit immer mehr Knöpfen und immer wirreren Tarifen (Die einzige Firma, die in diesem Bereich etwas intelligent Neues auf dem Markt brachte, war eine Computerfirma namens Apple. Und die wird jetzt von allen hektisch kopiert).
  • 250 Fernsehsender, in denen überall dasselbe Programm läuft, kein Mensch mehr sehen kann – und deshalb alle Sender gleichermaßen Pleite gehen, bis auf die staatlichen (und in Österreich selbst die).
  • Gute, alte Mittelständler im Bereich der Unterwäsche oder der Modelleisenbahnen schon sehr lange in einer Strukturkrise steckten und sich nur durch eine Menge goodwill und Wegsehen über Wasser hielten. Es waren ja „gute Mittelständler”; was sie in gewisser Weise kritik-immun machte.
  • Unser Bildungssystem nach wie vor so schwach auf der Brust ist, dass sich das Humankapital in Deutschland kaum erhöht. Zusammen mit einer missglückten Migrationspolitik führt das zu einem Absinken der jährliche Produktitivitätssteigerung (auf 0,5 Prozent in den letzten zehn Jahren von den rund 2 Prozent davor). Die Produktivität ist aber entscheidend dafür, dass Wohlstand weiter wachsen kann.

Im Grunde ist es ganz einfach: Die Finanzkrise deckt die Karten auf, die wir in einer langen Boom-Phase diskret unter dem Tisch versteckt hatten. Sie zwingt uns, die Wirklichkeit zu betrachten. Und zur Selbsterkenntnis: in gewisser Weise waren wir ALLE Börsenspekulanten, selbst wenn wir gar keine Aktien besaßen.

Kommt uns das nicht aus dem privaten Leben bekannt vor? Wenn man weiterkommen will, muss man manchmal sein Leben neu beginnen. Sich von alten, falschen Mustern trennen. Krise heißt, anzuerkennen, was ist. Und dann neu zu beginnen. Schumpeter nannte das kreative Zerstörung, und erklärte es uns als Wesen der Wirtschaft. Und die Wirtschaft ähnelt in vielerlei Weise dem Leben selbst.

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