Bürger im Sinne des Gemeinwesens

Ich gebe dem Staat gerne Kredit. Ein paar Tausender kriege ich zusammen. Damit das ewige Gejammer aufhört.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat einen tollen, aber leider unvollkommenen Vorschlag gemacht, den ich an dieser Stelle in Richtung Zukunft ergänzen möchte. Die leidige Schuldenkrise, so das DIW, könnte ganz einfach mit einer Zwangsabgabe gelöst werden. Alle Reichen werden gezwungen, dem Staat einen Kredit zu geben. Nein, nicht eine brutale Abgabe. Sondern einen Kredit, der mit einem niedrigen Zinssatz zurückgezahlt wird.

Die DIW-Berechnungen sagen, dass dies in Deutschland bei einer Vermögensgrenze von 250.000 Euro (Ehepaare 500.000 Euro) eine sagenhafte Quote von 92 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erzielen würde. Nur zehn Prozent Kredit dieser Summen würden 230 Milliarden Euro ergeben. Der Schuldenstand ließe sich an die 60-Prozent-Maastricht-Grenze zurückführen, und das würde die Lage weiter entspannen.

Vertrauen wir dem Staat?

Nun bin ich nicht reich, und tendenziell eher gegen Zwangsprogramme. Aber warum denken wir so einen Vorschlag nicht einmal weiter? Was wäre, wenn wir, ich meine WIR ALLE, dem Staat einen Krisen-Kredit geben würden? Freiwillig!

Peter Sloterdijk hat vor zwei Jahren einen skandalösen Vorschlag gemacht. Die Bürger sollten ihre Steuern nicht als Zwang entrichten müssen, sondern freiwillig als Spende geben. Natürlich bezog er sofort von allen in der Warteschleife rotierenden Besserwissern die üblichen Prügel (was er natürlich einkalkuliert hatte). Ich fand auch, dass Sloterdijk zu weit geht. Aber wir könnten ja darüber hinausgehen und das ganze etwas marktwirtschaftlicher angehen, aus freien Stücken.

Vertrauen wir dem Staat? Ja, ich vertraue meinem Staat, dass er das Geld zurückzahlen wird. Vertrauen die Griechen, die Italiener, die Spanier ihrem Staat? Das müsste man eben ausprobieren. Wenn die Regierung in Griechenland sagen würde: Liebe griechische Reeder in der Schweiz, liebe Schwimmbadbesitzer in Athen, liebe SUV-Fahrer in Korfu, wir wollen gar nicht Euer Vermögen enteignen. Das schaffen wir sowieso nicht mehr. Wir wollen einfach nur ordentlichen Niedrigzins-Kredit von Euch, denn schließlich habt ihr etwas mit diesem Land und seinem maroden Zustand zu tun – was würde passieren?

Vertrauen ist das Kapital, das Europa fehlt

Zumindest wäre das ein unglaublich lehrreiches Experiment. Und ich bin mir gar nicht so sicher, dass es so negativ ausgeht, wie jetzt jeder denkt.

Also hier mein Angebot: Ich gebe dem Staat gerne Kredit. Ein paar Tausender kriege ich zusammen. Ich bin mit ein, zwei Prozent Zinsen zufrieden. Damit das ewige Gejammer aufhört, wir mit der Rettung Europas vorankommen. Ich würde auch der Europäischen Zentralbank einen Kredit geben, denn ich vertraue Europa, jedenfalls auf mittlere Sicht. Und ich glaube, dass sich in Europa nur etwas verändert, wenn wir unser blödsinniges egoistisches Verhältnis zum Staat verändern.

Nicht brave, kritiklose Untertanen werden, sondern mündige Kreditgeber, Bürger im Sinne des Gemeinwesens. Wenn wir vielleicht auch begreifen, dass WIR SELBST ein Teil der Schuldenkrise sind, mit unserer ewigen Anspruchshaltung, den ratternden Forderungskatalogen.

Ein Kredit wäre ein Akt der Vertrauensbildung, und Vertrauen ist ja vor allem das Kapital, das in Europa fehlt. Europa in Zukunft wird es nur als Zivilgesellschaft geben, in der Vertrauen produziert wird. Also: Wer macht mit?

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