Apokalyptisches Cocooning

Warum wissen wir alles über Larissa und den Wendler, aber so gut wie nichts über die Erfolge der Entwicklungspolitik? Wenn wir die Welt und ihren Wandel nicht verstehen, hat das enorme Auswirkungen auf die Zukunft selbst.

Wir wissen, dass Larissa, das Luder, wieder geheult hat bei der Kakerlakenprüfung, und dass der Wendler, der reiche Schuft, seine Urwaldmitbewohner nach Strich und Faden vera … hat. Die Verdauungsgeräusche der Trivialmaschine Dschungelcamp sind täglich auf den ersten Seiten von Sternspiegeltaz zu lesen. Aber was wissen wir über fundamentale Veränderungen dieser Welt? Etwa über die Entwicklungen der Armut?

Wer wollte, konnte unlängst bei einer Pressekonferenz mit Bill Gates in Berlin darüber mehr erfahren. Der Microsoft-Gründer hat einen großen Teil seines Vermögens für den Kampf gegen die Armut gespendet und ist heute mit seiner Frau Melinda ein Faktivist; ein Aktivist neuen Typs, der sich von empirischen Daten und ständigem Lernen leiten lässt. Seine Stiftung hat eine neue Form der Entwicklungshilfe initiiert, die sich enorme Erfolge anrechnen kann. Die Zahl der Armen hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten halbiert, trotz steigender Weltbevölkerung. Selbst in der Sub-Sahara entwickeln sich die Lebensverhältnisse besser als erwartet. Im Jahr 2035 wird es, verrückte Diktatoren ausgeblendet, kein bitter armes Land mehr auf der Welt geben.

Sollte uns nicht interessieren, wie das zusammenhängt, und wie man es womöglich noch verstärken kann? Wo wir doch solche Angst vor Armutsflüchtlingen haben, die sich auf maroden Booten in Richtung Europa auf den Weg machen. Gates schilderte, wie sich gezielte Methoden gegenseitig verstärkten. Im Zentrum seiner Stiftungstätigkeit steht ein riesiges Gesundheits- und Impfprogramm, das zu einem Rückgang der Kindersterblichkeit führte. Kombiniert mit Schulbau und Landwirtschaftsreform führte dies in einigen Ländern zu einem positiven Kreislauf.

Die Geburtenrate sinkt, immer mehr Kinder gehen zur Schule, das Wirtschaftswachstum verstärkt sich deutlich. Gates präsentierte auch eine neue Studie zu den weltweiten Meinungen über Armutsbekämpfung. Besonders die Deutschen fallen hier mit einer sonderbaren Mischung aus Fatalismus, Ignoranz und falscher Kausalität auf. So glauben 80 Prozent der Bundesbürger, dass arme Länder immer arm bleiben werden – egal, was man tut. 37 Prozent glauben, dass es keinen Sinn macht, in armen Ländern Leben zu retten, weil dann „Übervölkerung“ droht. Solche Theoreme sind alles andere als harmlos. Mit diesen Ressentiments konnte vor einigen Jahren die gesamte Entwicklungshilfe als wirkungslos denunziert werden. Das Weltbild passt in eine verbreitete Haltung der Negativität, die man auch apokalyptisches Cocooning nennen könnte: Die Welt wird untergehen, aber uns geht’s gut. Also bitte keine Irritationen!

Über Bill Gates Pressekonferenz haben, anders als über Larissas Kakerlakenerfahrungen, nur wenige Medien berichtet. Und die noch mit Schlagzeilen wie „Die Medien sind mal wieder schuld …“ und „Bill Gates will kein Superreicher mehr sein …“ Ja, die Medien tragen zumindest Mitschuld. Wenn die ganze Welt als ein einziges Dschungelcamp dargestellt wird, in dem Klischees und Negativ-Polemik jede Zukunftsdebatte in einen ideologischen Pöbel-Zirkus verwandeln, dann darf man sich nicht wundern. Wenn wir die Welt und ihren Wandel nicht verstehen, hat das enorme Auswirkungen auf die Zukunft selbst.

Berliner Zeitung, 22. Januar 2014

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