Angst ist das eigentliche Kapital

Aus lauter Angst davor, dass die Welt sich wandelt, setzen wir uns ständig in ein Karussell von Befürchtungen über Befürchtungen.

Foto: pixabay.com

Zu den tiefen Ängsten der Deutschen gehört die Wachstumsangst. Jetzt geht es wieder los. Die Welt geht unter! Das Ende ist nah! Aber weder Ebola noch Putin noch IS sind unser Verderben, sondern das „katastrophale Schwächeln der Wirtschaft.“

Was ist passiert? Die Wachstumsrate beträgt 0,5 Prozentpunkte weniger als erwartet. Nur 1,2 Prozent. Das führt geradewegs in den Abgrund, Exporte „brechen ein“, Aufträge „rutschen weg“. Die Stimmung „bricht zusammen“, der Wohlstand „bröckelt“. Rutschen, Absturz, taumeln, abwürgen – das sinnliche Vokabular eines Zombie-Films bemächtigt sich der Wirtschaftsmedien. In jeder Report-Fakt-Fazit-Sendung steht ein trauriger Mittelständler in einer leeren Maschinenhalle und sinniert über die nachlassenden Aufträge aus Fernost. In jeden Börsensendung schlittert die Weltwirtschaft wieder in den Orkus, so dass der „kleine Mann“ sein sowieso schon abgemagertes Sparbuch ängstlich an die Brust drückt.

Wer ist schuld? Angela Merkel! Die Regierung mit ihrem Nichtstun! Die unverantwortliche Sparpolitik! „Schäuble muss nachgeben!“ titelt die Zeit. „Die Präsenz deutscher Wirtschaftspolitiker auf internationalem Parkett fühlt sich ungefähr so an, als würde Kim Jong Un auf einem Wohlfahrtsball auftauchen“, schrieb einer jener ewigen Besserwisser im „Spiegel“. Alle Professoren, die schon lange nicht mehr auf dem Bildschirm waren, haben es immer schon gewusst: Deutschland ist immer noch der kranke Mann von Europa, ja der ganzen Welt.

Wachstumsverfall ist eine mentale Drohne

Apropos Abgrund: Haben wir nicht noch vor zwei Jahren wie eine Hammelherde hysterisch auf das Wort Schulden gestarrt, jene dunkle Darth-Vader-Macht, die Gesellschaft und Wirtschaft ruiniert und alles Vertrauen für immer beschädigt? Egal. Der Primatenforscher Thomas Suddendorfer formulierte das Funktionsprinzip des kognitiven Human-Apparates neulich so:

„Es gibt unendlich viele Ideen und Vorstellungen, und sie lassen sich auf völlig unterschiedliche Weise zu Gedanken, Geschichten und Bildern zusammenstellen. Parabeln, Metaphern, Märchen, Visionen. Wir produzieren ständig verschachtelte Szenarien, die auf immer andere Weise verschachtelt werden können.“

Wachstum ist der Fetisch der Industriegesellschaft. Wachstumsverfall ist eine mentale Drohne, die unentwegt über unseren Köpfen kreist. Ohne Wachstum, so bilden wir uns ein, ist es vorbei mit dem Wohlstand. Dabei leben wir längst in einem Post-Wachstums-Zeitalter, in dem die alte numerische Linearität nicht mehr zählt. Nichts kann immer nur weiterwachsen, ohne monströs zu werden. Wachstum geht in Zukunft ganz anders – als Zugewinn von Lebensqualität, von Intelligenz von Systemen, von Vernetzungen und Kooperationen.

Das Problem ist, dass die Organisation kollektiver Hysterien selbst zu einem Geschäftsmodell geworden ist. Die einzige Ressource, die in der Informationsgesellschaft rasend knapp ist, ist Aufmerksamkeit. Angst ist damit das eigentliche Kapital. Aus lauter Angst davor, dass die Welt sich wandelt, setzen wir uns ständig in ein Karussell von Befürchtungen über Befürchtungen. Dagegen hilft nur eine gehörige Portion Gleichgültigkeit, Ignoranz und mildes Wegsehen. Im Positiven: mehr Gelassenheit.

Erschienen in: Berliner Zeitung, 15. Oktober 2014

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.