Abschied vom Symbionten

Sind weniger Autos besser als mehr? Merkwürdige Frage. Jeder Stadtbewohner, Bürger, Konsument, wird diese These umstandslos bejahen. Auch Autofahrer kommen ohne Stau besser durch. Aus dem Munde eines konservativ-grünen Gurus, wie wir ihn jetzt in Gestalt von Winfried Kretschmann haben, klingt der Satz jedoch wie jene Blasphemie, auf die wir in der Kirche seit 100 Jahren gewartet haben. ETWAS wird ins Mark getroffen. Ein Tabu fällt. Es schmerzt. Aber es war überfällig.

Woran liegt es, dass wir diese merkwürdigen Gepflogenheiten entwickelt haben, in denen Mobilität an Tonnage gebunden ist? Warum stehen in den Garagen 2-Tonnen-Ungetüme, manchmal mehrere, die am Tag im Durchschnitt 21 Minuten (!) bewegt werden? Warum fahren wir zum Bäcker mit gigantischen kinetischen Aufwänden, um gleich darauf über Fettleibigkeit, den Untergang der Welt, und die steigenden Benzinpreise zu jammern?

Die Antwort kann nur lauten: Wir sind zu Symbionten einer Technik geworden, die sich uns auf geschickte Weise einverleibt hat. Ein vor allem von Männern geliebter Trance-Zustand bindet unsere Hirne an das Exoskelett aus Aluminium oder Stahl. Wir werden in diesem Uterus mit körpereigenen Säften beruhigt und versorgt. Das Auto ist eine Matrix, und wir sind die Putzerfische des Boliden.

Warum fahren gut gebildete und bezahlte Männer jeden Tag riesige Strecken über Autobahnen, in einem seltsamen Zustand von Dösen und Deutschland-Funk-Hören? Verschwenden unkreativ Zeit-Kontingente, und das auch noch auf Firmen- und Steuerkosten (nur 15 Prozent aller BMW-5er werden auf dem „normalen“ Markt verkauft, 50 Prozent aller PS-starken Autos sind Dienstwagen)? Sie sind süchtig. Süchtig nach jener Trance aus Status, Verwöhnung, Macht und Design, die unser Hirn so angenehm mit Endorphinen überschwemmt, ohne dass wir etwas dafür tun müssen, außer das Steuer zu halten.

Ich weiß, wovon ich spreche. Viele Jahre lang habe ich selbst im Bauch des Symbionten gewohnt. 1000 Kilometer von Hamburg nach Wien, von Frankfurt nach Berlin, von Köln nach Zürich – nichts war schöner! Ich war Herrscher einer Welt aus Lederduft und Kontrolle und Überlegenheit auf der linken Spur. Automatische Abstandshalter, Spurassistenten, ABS und DHCS plus eine Achtkanal-Stereoanlage mit satten Bässen machten mich scharf. Am Ende rechnete ich auch noch unentwegt im Kopf aus, was ich an Benzin SPARTE, wenn ich nur 160 fuhr (statt 200).

Als vor einigen Jahren die Debatte um das Rauchverbot aufkam, klang der Aufschrei der Altökonomen ähnlich: Kneipen würden pleitegehen, die Gastronomie sterben, die Wirtschaft darben. Heute brummt in den Pubs von Irland und den Trattorias von Palermo das Geschäft. Selbst die Raucher sind froh, nicht mehr nur an einem Tisch sitzen zu müssen – draußen vor der Tür ist es auch sehr schön.

So wandelt sich die Welt, ehe wir uns versehen. Seit ich auf ein kleines, schnelles Stadt-Elektroauto (THINK aus Norwegen) umgestiegen bin, surre ich verwundert an jeder Tankstelle vorbei, an der frustrierte Menschen Rüssel in Autos stecken, aus denen tonnenweise Fossiles fließt. Ekelhaft! Es erinnert mich an den Geschmack der letzten Zigarette vor 20 Jahren. Mobilität heißt Freiheit im Geiste, Beweglichkeit in vielen Formen. Das ist die Zukunft.

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